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Brandora to B | 25. Mai 2019

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Brexit – was bedeutet er für unsere Branche?

Brexit – was bedeutet er für unsere Branche?

Der Countdown läuft – das offizielle Austrittsdatum von Großbritannien steht kurz bevor. Am 12.03.19 präsentierte Premierministerin Theresa May die Änderungen, die sie mit der EU am Backstop vereinbart hat. Doch reicht das dem Parlament? Und was bedeutet der Brexit für die Spielwaren- und Lizenzindustrie? 

BRANDORA TO B im Gespräch mit Kelvyn Gardner, Managing Director der LIMA UK, und John Baulch, Herausgeber der ToyWorldMag, dem führenden Spielwarenfachmagazin aus UK.

Herr Gardner,  auch in Deutschland reden derzeit viele Menschen über den Brexit. Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Lizenzindustrie? 

Für die Lizenzindustrie, wie für viele andere Geschäftsbereiche auch, ist der Ausgang der Brexit-Verhandlungen ungewiss – und damit auch die Konsequenzen. Falls das Parlament den Austrittsvertrag annimmt, den Theresa May ausgehandelt hat, und damit der ungeregelte Brexit Ende März vermieden werden kann, wird sich in der Übergangsperiode nicht allzu viel ändern. Wenn das Parlament zumindest ein No-Deal-Szenario zurückweist, könnte eine Verlängerung der Frist nach EU-Artikel 50 dafür sorgen, dass ein sanfterer EU-Austritt ausgehandelt werden kann. Vielleicht kämen wir dadurch zu einer Vereinbarung, die eine dauerhafte Zollunion ermöglicht. Allerdings wird auch eine Zollunion ohne Teilhabe am europäischen Binnenmarkt die Lizenzbranche vor große Herausforderungen stellen. Lizenzverträge müssten entsprechend angepasst werden, da Großbritannien und Nordirland als einzelne Länder vom Rest der EU „abgeschottet“ werden. Einige unabhängige Lizenzagenturen der LIMA und einige Lizenznehmer im Vereinigten Königreich befürworten dieses Szenario tatsächlich, da sie davon ausgehen, dass ihre Rechte so besser geschützt werden. Sie nehmen an, dass der inländische Handel zukünftig verpflichtet sein wird, Lizenzprodukte ausschließlich von britischen Lizenznehmern zu beziehen. Derzeit erlauben es die Römischen Verträge Händlern im Vereinigten Königreich, von jedem Lizenznehmer zu kaufen, der die Lizenzrechte in einem der EU-Mitgliedsstaaten erworben hat. Ich glaube allerdings nicht, dass es zu dieser Verschiebung kommen wird. Die großen Händler stellen eine große Marktmacht dar. Sie werden sich weigern, das zu beenden, was sie als bewährte Praxis erfahren haben: Sie erzielen den günstigsten Einkaufspreis, indem sie auch zukünftig dort kaufen, wo sie wollen. Aus diesem und anderen Gründen gehen die Lizenzunternehmen im Vereinigten Königreich mehrheitlich davon aus, dass es besser wäre, in der EU zu bleiben.

Kelvyn Gardner,
Managing Director, LIMA UK

 

Welche Herausforderungen stellt der EU-Austritt für Lizenznehmer und Lizenzgeber dar? 

Einige habe ich bereits aufgeführt. Viele Rechtsanwälte werden damit beschäftigt sein, Lizenzverträge neu aufzusetzen und territoriale Bedingungen neu festzulegen. Auch nach dem Brexit können paneuropäische Verträge ausgehandelt werden, aber die Garantien und Lizenzzahlungen für Großbritannien und Nordirland werden immer separat ausgewiesen werden müssen. Eine weitere Auswirkung haben viele Menschen bisher übersehen: die Gefährdung des europäischen Urheberrechtsschutzes im Falles eines Brexits. Forschungsprojekte wie z.B. Votewatch.eu haben darauf hingewiesen, dass es tatsächlich die britischen Mitglieder des Europäischen Parlaments waren, die den Ausschlag gaben für einen stärkeren Urheberrechtsschutz in der EU. Mehr über die  Konsequenzen des EU-Austritts des Vereinigten Königsreiches für die EU-Politik lesen Sie unter https://blogs.lse.ac.uk/europpblog/2015/12/02/the-top-five-likely-effects-of-a-brexit-on-the-eus-policies/.

Bietet der EU-Austritt auch Chancen für die Mitglieder der LIMA? 

Einige wenige Firmen könnten kurzfristig von dem Verlust des Zugangs zum europäischen Binnenmarkt (und damit zum freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen) profitieren. Aber ich glaube, dass der größere wirtschaftliche Schaden für das Land überwiegen wird. Das kann durch diese begrenzten positiven Effekte nicht ausgeglichen werden. 

Wie unterstützt die LIMA ihre Mitglieder?   

Selbst die britische Regierung, das Finanzministerium und das Ministerium für Internationalen Handel wissen nicht, was passieren wird. Die LIMA verfügt nicht über deren Ressourcen. Sobald die Zukunft klar ist – und bis dahin könnten einige Jahre vergehen, wenn man sich das derzeitige Vorgehen unserer Regierung anschaut –, werden wir darlegen, was wir für unsere Mitglieder für das Beste halten.

 

Ähnlich problematisch schätzt auch John Baulch, Herausgeber des ToyWorldMag, die Situation ein:

„Es bleiben nur noch wenige Tage bis zum Brexit und Firmen im Vereinigten Königreich suchen nach Klarheit und Sicherheit.  Das gestaltet sich jedoch schwierig, da sich die Situation fast täglich ändert und ein ungeregelter EU-Austritt (das No-Deal-Alptraumszenario) immer noch eine reale Möglichkeit darstellt. 

Ganz unabhängig davon, welche Brexit-Option am Ende gewählt wird, stehen die Spielwarenhersteller verwaltungstechnischen Herausforderungen gegenüber, die sie bewältigen müssen. Wir können nur hoffen, dass die Vollzugsbehörden im Vereinigten Königreich pragmatisch vorgehen und den Firmen ausreichend Zeit für die Umsetzung der neuen Regelungen einräumen werden. Wir gehen davon aus, dass die EU-Behörden die Einhaltung der neuen Vorschriften mit sofortiger Wirkung durchsetzen werden. 

Unsere Spielwarenhersteller haben verschiedene Initiativen vorrangig in Angriff genommen, so dass sie – theoretisch – ihre Geschäfte auch nach dem Austritt genauso fortsetzen können wie bisher. Einige Firmen, die keine Büros in der EU haben, ziehen in Betracht, eine EU-Niederlassung zu eröffnen oder zumindest eine Vertretung in der europäischen Union zu benennen, während ihre Produkte gegebenenfalls von einem anerkannten Institut  für den Vertrieb auf dem europäischen Binnenmarkt erneut zugelassen werden müssen. Für den inländischen Vertrieb werden mit größter Wahrscheinlichkeit neue Sicherheitssiegel eingeführt. In Zukunft könnten die Produkte also zusätzlich zu dem etablierten CE-Kennzeichen das neue Siegel UKCA (UK Conformity Assessed) tragen.

Diese ersten Veränderungen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Die Trennung von unseren Handelspartnern, mit denen uns seit über vier Jahrzehnten eng verwobene Geschäftsbeziehungen verbinden, stellt einen unglaublichen Verwaltungsaufwand für die Spielwarenhersteller im Vereinigten Königreich dar. 

Ein weiteres, massives Problem wird die Entwicklung des Wechselkurses sein. Die Zukunft des britischen Pfundes wird maßgeblich durch die Art des EU-Austritts bestimmt, für die wir uns letztendlich entscheiden. Erhebliche Kursschwankungen sind in jedem Szenario wahrscheinlich. Aber im Falle eines ungeregelten Brexits könnte das Pfund Sterling gegenüber dem US-Dollar und dem Euro um 10 bis 20 Prozent fallen. Das hätte auch auf den Spielwarenpreis erhebliche Auswirkungen. 

Im März stehen noch einige entscheidende Abstimmungen auf der Agenda des Vereinigten Königreichs. Wir werden die Situation weiterhin genau beobachten. Aber die Planung für den EU-Austritt gestaltet sich schwierig, da in vielen Fällen niemand weiß, worauf genau wir uns vorbereiten sollen.“

John Baulch, Herausgeber der ToyWorldMag

Bei konkreten Fragen kontaktieren Sie gerne die LIMA UK.

Hier geht’s zum ToyWorldMag.

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