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Brandora to B | 20. Juni 2019

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Mühlenkind macht Spiele

Mühlenkind macht Spiele

Die Agentur Mühlenkind bringt Spieleerfinder und Verlage zusammen – und begleitet Spielideen auf ihrem Weg zum fertigen und erfolgreichen Produkt.

„Spiele erfinden ist ein Kinderspiel“ mag man denken. Gerade Kinderspiele scheinen oft auf den ersten Blick simpel. Doch genau hier liegt die Crux: Das Spielgefühl muss stimmen, das Thema muss passen – und der Anreiz, das Spiel immer wieder zu spielen muss da sein.

Was alles wichtig ist beim Entwickeln von Spielen wollten wir von Claudia Geigenmüller wissen.

Claudia betreibt in Halle die Agentur „Mühlenkind“ und hat sich mit ihrem Unternehmen voll und ganz dem Gesellschaftsspiel verschrieben.

 

Du betreibst seit fünf Jahren die Agentur „Mühlenkind“. Könntest Du knapp umreißen, was Deine Agentur tut?
Die Agentur versteht sich als Dienstleister im Spielwarenbereich. Zum einen befassen wir uns mit der Bewertung von Spielideen und wir bieten ein Full Service Paket für die Umsetzung von Spieleprojekten.

Auf der einen Seite hast Du mit Erfindern und Entwicklern zu tun, auf der anderen Seite mit Spieleverlagen und Agenturen. Wer kontaktiert Dich normalerweise?
In der Regel werden wir von Spieleautoren kontaktiert, die uns ihre Ideen vorstellen wollen. Im Alltag haben wir in der Projektabwicklung aber auch sehr viel Kontakt mit Lieferanten, Illustratoren und Verlagsmitarbeitern.

Könntest Du unsere LeserInnen kurz mit auf die Reise nehmen: Wie funktioniert eine „normale“ Spiele-Entwicklung? Welche Schritte sind nötig bis zur Marktreife?
In der Regel kommen Spieleerfinder auf Messen und Events mit ihren Ideen zu uns und stellen sie uns vor. Meist wird das Spiel gemeinsam mit dem Autor kurz angespielt. Anschließend schätzen wir ein, ob die Idee Potential hat und ob sie zu den aktuellen Suchfeldern des Verlags passt. Ist das der Fall, nehmen wir den Prototyp mit zu uns in die Agentur, wo er noch mal auf Herz und Nieren getestet wird. Außerdem machen wir uns erste Gedanken zur möglichen Umsetzbarkeit und überschlagen die Kosten für das Projekt. Im nächsten Schritt präsentieren wir die Spielidee dem Verlag.
Erhalten wir dann den Auftrag, das Spieleprojekt umzusetzen, geht es richtig los. Der Spieleautor schließt einen Vertrag mit dem Verlag, die restliche Bearbeitung läuft dann über uns als Agentur. In der Regel arbeiten wir eng mit unseren Autoren zusammen, denn jedes Spiel sehen wir als ein gemeinsames Projekt. Zusammen mit dem Autor „schleifen“ wir das Spiel rund und schreiben dann die finalen Spielregeln.


Parallel machen wir uns Gedanken über die technische Umsetzbarkeit. Wir treten in Kontakt mit Spieleproduzenten, um Details der Umsetzung und die damit verbundenen Kosten abzuklären. Dann beginnt der kreative Teil der Arbeit. Wir suchen nach einem passenden Thema für das Spiel und schauen, welcher Illustrator uns bei unserem Projekt unterstützen wird. Hier stellen wir uns Fragen, wie z.B.: „Soll sich der Stil von der Masse abheben? Ist es sinnvoll bestehende Trends aufzugreifen?“. Wir arbeiten mit Illustratoren aus der ganzen Welt zusammen. Layout und Design von Schachtel, Spielregel, Materialien und Figuren entstehen alle bei uns in der Agentur. Dem Spiel beim „Wachsen“ zusehen ist ein sehr erfüllender Prozess für uns.
Am Ende übergeben wir die fertigen Druckdaten an den Spieleproduzenten und warten dann gespannt auf die produzierten Spiele. Es ist für alle Beteiligten ein schönes Gefühl, wenn man am Ende die fertigen Spiele im Handel stehen sieht, von wo aus sie den Weg in unzählige Familien finden.

Für Ravensburger bist Du „Spieleagentin“ – was kann man sich darunter vorstellen?
Ravensburger, als einer der größten Verlage Deutschlands, lässt seine Spielevorschläge aufgrund des erhöhten Einsendeaufkommens bereits seit vielen Jahren extern bearbeiten und bewerten. Seit über 4 Jahren betreuen wir als Agentur diesen Bereich der Spielebewertung. Unser Service richtet sich im Falle Ravensburger an Newcomer, die noch keine Spielideen veröffentlicht haben. Auf der separat dafür eingerichteten Homepage erhalten die Spieleerfinder zahlreiche Tipps, worauf es beim Entwickeln einer Idee ankommt. Beispielsweise, dass man seine Idee auf Herz und Nieren testen sollte und zwar mit der richtigen Zielgruppe. Dazu gehört auch, dass man seine Spielregel von den Testspielern prüfen lassen sollte, ohne parallel zu erklären, wie das Spiel funktioniert. Nur durch konstruktives und ehrliches Feedback, entsteht eine gut funktionierende Spielidee.
Wenn das Spiel bei uns intern die verschiedenen Stufen der Bewertung bestanden hat, gibt es im besten Fall am Ende einen Vertrag mit dem Ravensburger Verlag. In den letzten 4 Jahren haben es auf diesem Wege bereits mehrere Spielideen auf den Markt geschafft und es werden hoffentlich noch viele weitere folgen.

Wie „fertig“ muss ein Spiel bereits sein, um die Idee oder das Konzept Mühlenkind, der Spieleagentin oder dem Verlag zu präsentieren?
Ein Spieleprototyp muss keinen Schönheitspreis gewinnen. Er muss vor allem funktionieren und den Testspielrunden standhalten. Das „Schön machen“ übernimmt später im Falle eines Vertrags der Verlag oder wir als zuständige Agentur.

Besonders im Kinderspiel hat Deine Agentur viel Erfahrung – und gerade wurde bekannt, dass eines Deiner Projekte auf der Nominiertenliste zum Kinderspiel des Jahres steht. Wie viel Erfahrung muss man mitbringen, um in dieser Branche erfolgreiche Spiele zu platzieren?
Der Fokus der Agentur liegt tatsächlich seit Jahren auf dem Bereich Kinderspiele. Dies liegt darin begründet, dass ich vor meiner Selbständigkeit als Produktmanagerin der Spielemarke Drei Magier (Schmidt Spiele GmbH) und bei der Selecta Spielzeug AG tätig war. Vieles ist Erfahrung, aber dazu kommt auch „der richtige Riecher“. Ich sage gern, „Im Herzen bin ich 5 Jahre alt“. Dadurch fällt es mir leicht zu wissen, was Kinder mögen. Die Erfahrung aus 12 Jahren Spielebranche hat mich aber auch gelehrt andere Blickwinkel einzubeziehen. Und das ist dann wieder der Punkt Erfahrung. Zu wissen, wie tickt der Markt, was braucht der Vertrieb oder das Marketing, sind wesentliche Punkte für den Erfolg eines Spiels.
Dass wir als Agentur nicht nur Kinderspiele können, stellen wir einmal mehr in diesem Sommer unter Beweis, denn da erscheint das von uns betreute Familienspiel Spiel „Tricky Druids“ bei Pegasus Verlag. Ein Spiel, das neben einer besonderen Gestaltung vor allem durch sein außergewöhnliches Spielgefühl punktet.

Tricky Druids von Pegasus Spiele

Welche Vorteile hat ein Verlag, eine externe Agentur wie Mühlenkind an Bord zu haben?
Wir als Agentur verfügen über jahrelange Erfahrung in der Spielwarenbranche. Über 50 veröffentlichte Spiele, darunter zahlreiche ausgezeichnete Projekte findet man in der Ludografie. Hinzu kommt unser großes, gut funktionierendes Netzwerk aus Autoren, Illustratoren und Produzenten. Das Knowhow der einzelnen Agenturmitglieder im Bereich Mediendesign, Spiel- und Lerndesign sowie Produktentwicklung machen uns zu einem Team mit hoher Schlagkraft. Das bietet unseren Kunden eine komfortable Rundumbetreuung der Projekte aus einer Hand.

Spielidee und Design sind klare Erfolgsfaktoren für neue Spiele. Wie sieht es im Spielebereich mit Lizenzthemen aus? Helfen sie nur, alten Spielen einen neuen Look und höhere Verkaufszahlen zu bescheren, oder helfen sie auch inhaltlich?
Im besten Falle ist es von allem etwas. Gut laufende Lizenzthemen können ein echter Multiplikator im Verkauf sein. Idealerweise bilden Lizenzthema und Spielmechanismus eine glaubwürdige Einheit. Das so etwas sehr gut funktioniert, zeigen die von uns betreuten Spiele der Pummeleinhorn-Reihe beim Pegasus Verlag.

Wie ist Deine Meinung zu interaktiven Spielen, die digitale und analoge Komponenten verknüpfen? Helfen sie dem Spiel oder eigentlich nur dem Marketing?
Ich finde das durchaus zeitgemäß. Wie man am Beispiel der tiptoi® Spielereihe vom Ravensburger Verlag sieht, kann das insbesondere im Bereich der Lernspiele einen tatsächlichen Mehrwert bringen. Ich denke beide Bereiche, analog als auch digital haben ihre Berechtigung am Markt und entsprechen dem Zeitgeist.

Kannst Du uns einen kleinen Blick in das Agenturportfolio geben? Was sind die Projekte und Spiele, die Dir besonders große Freude bereitet haben?
Unser Herz hängt natürlich an allen Spielen, die wir betreuen. Es macht einfach glücklich, wenn man sieht, dass Kinder und Eltern Freude mit den Produkten haben, die wir auf den Markt begleiten durften. Mit Stolz erfüllt es natürlich das ganze Team, wenn es unsere Projekte auf die Listen der Jury „Spiel des Jahres“ schaffen. In diesem Jahr sind wir mit dem Pegasus Spiel „Fabulantica“ nominiert zum Kinderspiel des Jahres. „Fabulantica“ ist ein Spiel, welches sich klassischer Mechanismen bedient und dabei ohne Gimmicks auskommt. Dennoch bietet es ein fesselndes Spielgefühl mit jeder Menge Spannung. Durch ein modernes Design und das hochwertige Spielmaterial hat „Fabulantica“ in unseren Augen die Chance ein echter Klassiker zu werden.

Nominiert zum Kinderspiel des Jahres: Fabulantica

Und abschließend ein kleiner Ausblick: Obwohl Mühlenkind als Agentur wohl eher selten öffentlich in Erscheinung tritt: Kannst Du verraten, woran Du derzeit arbeitest?
Seit gut einem Jahr arbeiten wir an der Eigenentwicklung eines Lizenzthemas für den Preschool-Bereich.
Als der Spieleerfinder Nicola Riehemann uns ein Rommé mit langen Tieren vorstellte, war die Idee geboren, daraus eine ganze Themenwelt zu entwickeln. So entstanden im vergangenen Jahr die fünf Charaktere Alfie, Bonnie, Jella, Charlie und Frederik. Knuffige Bauernhoftiere mit der einzigartigen Fähigkeit, sich im richtigen Moment gaaanz lang zu machen. Ein riesiger Spaß für Klein und Groß.

Gemeinsam mit der Berliner Illustratorin Anne Pätzke haben wir in den letzten Monaten einen stetig wachsenden Pool an Illustrationen erarbeitet und das Design definiert. Wir haben eine eigene Welt, nämlich Langland, geschaffen und ein erstes Büchlein ist entstanden. Im nächsten Schritt versuchen wir mit Partnern aus dem Lizenzbereich das Thema publik zu machen. Natürlich freuen wir uns über Kontakte zu interessierten Lizenzagenturen oder potentiellen Lizenznehmern.
Es wurden auch bereits zwei Spiele zu unserer Lizenz veröffentlicht. Das Kartenspiel „Langland Rommé“ kommt vom Titel eher gewöhnlich daher. Es überrascht aber dadurch, dass es ganz ohne Zahlen funktioniert. Fast intuitiv legen die Kinder die verschieden langen Tiere aus. Somit ist der Klassiker „Rommé“ bereits für Kinder ab 4 Jahren spielbar. Das Prinzip der langen Tiere findet sich auch im Würfelspiel „Langland Yatzy“ wieder, welches im Sommer beim Pegasus Verlag erscheint. Den Kindern aber auch den Erwachsenen macht es riesig Spaß aus den Motivwürfeln die „Tiere aus Langland“ zu legen. Ebefalls bereits erhältlich ist das „Langland Lotto„.

Claudia, vielen Dank für das Gespräch.